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Karate und Karate-Do:

Worin zeigt sich das „Geistige“

in den Grundübungen der Kampf-Kunst ?

  • Kihon
  • Die Ausbildung in den Grundtechniken der Blöcke, Schläge, Tritte und Manöver einer Kampfkunst dient nicht nur etwa allein der Verbesserung der typischen Bewegungsmuster, sondern hat auch „geistige“ Übungsziele: Die ständige Wiederholung der gleichen Techniken ermöglicht es uns, abzuschalten, ja erfordert geradezu, im Fluß der Bewegungen (oft an der Grenze der physischen Belastungsfähigkeit) die üblichen psychologischen Bewertungen des „Ich“ aufzugeben, die in der vom Zen beeinflußten Philosophie des Budo dem wahren Fortschritt entgegenstehen:

    Jede verstandesmäßige Interpretation des „Hier und Jetzt“ nämlich trübt die Wahrnehmung dessen, was unabhängig vom Urteil des „Erlebers“ als tatsächliche, wahre Soheit als solche einfach ist. Die Idee im Zazen und Budo ist, das was ist, wertneutral einfach zu erleben und den Verstand abzulegen, d.h. den Geist „leer“ zu machen, um die Wirklichkeit unvoreingenommen zu sehen, wie sie eben ist. Gleich der Oberfläche eines Sees, der die Wirklichkeit spiegelt, dringt das, was ist, frei von intellektueller Bewertung als Erfahrung des Seins in den ungetrübten Geist.

    Im Zazen sitzt man wie ein Berg, an dem die Gedanken wie weiße Wolken vorüberziehen, den Berg aber in seiner Unerschütterlichkeit und in stoischer Ruhe belassen. Gedanken kommen und gehen, doch hängt man ihnen nicht nach, bleibt der Berg der Berg, der das „Wetter“ als an sich vorüberziehendes Geschehen betrachtet, das seinem Wesen nichts anhaben kann. Im Budo (dem quasi „aktiven Zen“) ist jede Bewegung eine ganz eigenständige neue Bewegung in einer gänzlich neuen Situation, in der man ist, und somit keine bloße Wiederholung des schon gewesen Vorherigen. Jede neue Technik (wie) ein neues Leben...

    Wenn es uns gelingt, die Bewegungen in der Kihon-Schulung immer wieder neu auszuüben, unabhängig davon, wie wir meinen, daß sie uns gelungen sei, wenn wir es schaffen, einfach zu Tun, ohne Nachdenken, ohne alltägliche Maßstäbe des „gut“ oder „schlecht“ (die alle Probleme der Menschen erst heraufbeschwören) anzuwenden, haben wir die Möglichkeit, „leeren“ Geistes intensiv zu sein. Wir leben für diese Zeit des unreflektierten, quasi „stupiden“ (unbeteiligten, ungerührten, uninteressierten) bloßen Ausführens der Techniken ausschließlich im „Jetzt!“, jenseits der andauernden Gedanken, die unser quirliger, rasender Hirnstrom ständig produziert. Je automatisierter die Bewegungsmuster durch Gewöhnung des körperlichen Gedächtnisses (!) werden, je einfacher ist es dann auch, bei aller Dynamik die Gelassenheit des in sich ruhenden Berges zu entwickeln, wie beim Zazen. Budo – hier Kihon – ist so gesehen immer auch Bewegungs-„Meditation“. Wir müssen allerdings alle Vergleiche und Beurteilungen, alle (Versagens-)Ängste und Angebereien, auf die unser kleines „Ich“ so angewiesen ist, aufgeben. Nur so können wir erkennen, wer wir wirklich sind.

    Zudem schaffen wir durch Kihon-Übungen die Fähigkeit, Kime (Körper- und Geist-Energie) auf einen Brennpunkt hin zu konzentrieren. Damit schärfen wir unser Bewußtsein, unser bewußtes Sein. Fokussieren wir all unsere (ganz neutrale) Aufmerksamkeit auf einen Punkt, hier auf jede einzelne Technik erneut, können wir lernen, alles andere, das störend und unwichtig ist, auszublenden. Im Karate – wie im Leben...

  • Kata
  • Kata zu üben ist nicht nur, die Form zu verstehen und zu beherrschen zu lernen, oder sie in fortgeschrittenem Können zu einer ästhetischen Kunst-Darbietung zu beseelen, sondern darüber hinaus auch ein „geistiges“ Exerzitium, weil reines Üben allein der Übung willen. Nicht das Ergebnis zählt, sondern das aufrichtige Bemühen.

    Das Bemühen, einer festgelegten äußeren Form inhaltlich eine ganz individuelle Bedeutung zuzuschreiben, wie sie etwa in der Haltung, Etwas ohne irgendeinen Anspruch (auf Erfolg, Gegenleistung usw.) zu tun, also voller Hingabe und Leidenschaft mit Freude am Tun zu tun, deutlich wird, ist eine höchst persönliche, ja intime Angelegenheit. Es ist die Entscheidung oder gar Fähigkeit, an der Übung - und nicht am Ergebnis derselben zu wachsen. Solch verstandene Übung von Kata ist sich selbst Belohnung genug. Anerkennung von Leistung ist reine „Form“-Sache, ist ein Sich-abhängig-machen vom Werturteil unbeteiligter Dritter. Die fehlende Freiheit, eine bestimmte Kata eigenwillig abzuändern und so oder auch vielleicht lieber so auszuführen, das Fehlen jedweder Wahl und Eigeninitiative zwingt uns dazu, uns in diesen festgelegten Bahnen zu bewegen und darin keine Verhinderung, sondern erst Ermöglichung einer ungestörten Entwicklung unserer Individualität zu sehen.

    Die damit fehlende Selbstdarstellungsmöglichkeit des „Ich“ im Bereich Kata lädt aber auch zu dazu ein, sich gerade innerhalb dieser Grenzen selbst zu verwirklichen. Diese „einengenden“ Grenzen sind es, die uns vom üblichen freidenkerischen Ego-Trip entlasten und damit zur Chance wahrer Entfaltung erst beitragen. Ohne den Spielraum für kleingeistiges Inszenieren eigener Bühnen kann man andere und vor allem auch sich selber weniger etwas vortäuschen.

  • Kumite
  • Kumite-spezifische Fertigkeiten wie Timing, Taktik, Distanz usw. zu üben verbessert nicht etwa nur die Effektivität im Zweikampf oder Wehrfähigkeit zur Selbstverteidigung. Kumite ist weit mehr als nur der sportliche Kampf mit äußeren Gegnern – es ist in Wahrheit der Kampf mit sich selbst, dem eigen „Ich“. Sich selbst zu besiegen, seine Angst und Wut, seine eigenen Dominazgelüste und übliche Gier nach Selbsterhöhung in den Griff zu kriegen, ist das eigentliche Ziel im Kumite der Kampf-Kunst. Sie sind der wahre Feind, der schwierigste Gegner auf dem Weg.

    Neben der Körperbeherrschung, die zur gefahrlosen Durchführung kämpferischer Partnerübungen erforderlich ist, gewinnt die psycho-emotionale Selbst-Beherrschung eine zentrale Bedeutung im Kumite. Dies ist mehr als die Bereitschaft und Fähigkeit zur Fairneß und Rücksichtnahme – es ist die Kontrolle des „Ich“, der Gefühle und kleingeistigen Gedanken um Sieg und Niederlage. In diesem Verständnis von Kampf übernimmt der Gegner die Rolle des Partners bei der Arbeit an sich selbst, und zwar als Auslöser der für das eigene Ego stets kritischen Situationen seiner vermeintlich existentiellen Bedrohung. In der Gelassenheit des so gesehen emotions-„losen“ Geistes erst, der unberührt von den provozierten Angriffen des Gegenübers dennoch seiner Selbst ganz sicher ist, zeigt sich die wahre Meisterschaft, die keiner Selbst-„Verteidigung“ mehr bedarf. Denn das starke Selbst kann gar nicht angegriffen werden. Diese Selbst-„Erfahrung“ macht uns auch im Alltag unangreifbar.

    Im Kumite geht es ferner um die Entwicklung und Kultivierung der rechten inneren Haltung des „Friedvollen Kriegers“, des aufgrund kämpferischer Souveränität und Selbst-Sicherheit zum Sanftmut fähigen und Gewaltverzicht entschlossenen „Ritters“, der durch Kampf-Kunst den Kampf als Prinzip transzendiert, das sich beweisende Kämpfen-Wollen oder -Meinen-zu-müssen damit überwindet. Denn wahre Kampfkunst ist nicht die Kunst des Kämpfens, sondern die des Nicht-Kämpfens.

    Fazit

    Karate kann mehr sein als ein attraktiver Sport, wenn die die Kampf-Kunst ausmachenden „geistigen“ Inhalte, d.h. die dem eigentlichen Wesen eines Weges zur Selbst-Entwicklung entsprechenden „inneren“ Aspekte wieder mehr ins Zentrum der Übung von Kihon, Kata und Kumite rücken. Karate wird als Karate-Do zu jenem (selbst-)erzieherischen Instrument, von dem die Alten Meister als „Charakterschule“ ja immer sprachen...

    Sensei

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