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Wieso haben Sie eigentlich einen neuen Stil erfunden ?

So würde ich es gar nicht formulieren. Der Begriff „Stil“ wird ja unterschiedlich interpretiert und kann daher zu Missverständnissen (und zuweilen unnötiger Aufregung) führen. Ich bevorzuge es, „Ryu“ vielmehr mit „Schule“, „Richtung“ und „Lehrauffassung“ zu übersetzen, was die Sache eher trifft. Ich lege (trotz der offiziellen Anerkennung des Shoto-Kempo-Ryu Karatedo als autonomer „Stil“) keinen großen Wert auf die Darstellung nach Aussen, dass unser Ryu im Range etablierter Karatestile sei, sondern vielmehr auf die Feststellung, dass dieses Kampfkunst-System sich in Theorie und Praxis von den anderen doch erheblich unterscheidet. Das ist aber eigentlich eher bedauerlich, denn gäbe es einen oder mehrere Stile, die dem Wesen nach und in den Inhalten unserem Weg annähernd ähnlich wären, könnten und würden wir uns anschließen und bräuchten uns auch nicht zu verselbständigen. Es ist also kein vorrangiges Ziel, kein Wert an sich gewesen, einen eigenen Ryu zu begründen, sondern eher notwendiges Übel...

Auch das Wort „erfunden“ reduziert die langjährige Entwicklung hin zu einem eigenständigen Karatedo-System bloß auf einen reinen formalen und äusseren Akt. Shoto-Kempo-Ryu Karatedo ist letztlich aber ein Produkt eines langen Prozesses, an dem viele Faktoren (Erfahrungen wie Personen) beteiligt waren. Ich habe dieses System also weniger „erfunden“, als dessen langsam fortschreitende Entwicklung führend geprägt - und erst am Ende, im Ergebnis einer systematisierten Lehre, als dessen Sôke („Vater des Hauses“) offiziell begründet. Was dieses System nun speziell kennzeichnet und von anderen unterscheidet, ist ja an anderer Stelle nachzulesen und soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Wichtiger als die typischen Techniken (Kihon, Kata, Kumite) und deren Ausführung (also die äussere Form) sind die „inneren“ Aspekte des klassischen Budo, die unseren Weg definieren.

Hier haben wir mittlerweile also eigene Auffassungen vom Weg und der Bedeutung einzelner Übungen. Die Beurteilung des Weg-Fortschritts eines Einzelnen kann naturgemäß nur Jenem obliegen, der den Weg, um den es ja stets ganz konkret geht, selber gegangen ist und genau so gut kennt, wie die Schüler, die ihn zu gehen sich bemühen. Das Wichtigste in einem Ryu ist demnach seine Wirkung nach Innen !

Bei der Autonomie eines Ryu geht es also nicht um seine Außendarstellung; im Gegenteil: es geht umgekehrt vielmehr darum, sich nicht von Aussen (z.B. einem Verband) etwas diktieren lassen zu müssen, was der Lehre widerspricht. Niemand, der nicht selber Praktizierender dieses Weges ist, vermag das System wirklich zu beurteilen, und keine Institution kann es auf- oder abwerten. Wird es von Außenstehenden goutiert und „anerkannt“, ist es durchaus erfreulich, aber nicht wirklich entscheidend. Es liegt mir also auch völlig fern, mich etwa in die Ahnenriege der großen Stilbegründer und Budo-Meister einreihen zu wollen, was mir paradoxerweise von solchen, die nicht um das Wesen des Budo wissen, vorgeworfen werden könnte, und erhebe keinerlei Ansprüche auf Anerkennung und Zuspruch von Aussen. Was mich interessiert ist gelebtes Budo, sind meine Schüler und Weg-Gefährten - und nicht kurzlebige Titel, Ruhm und Prestige. Budo-Ideologe wird man vielleicht durch großangelegte Öffentlichkeitsarbeit und -Funktionär durch Politik - aber -Lehrer allein durch das Vertrauen der eigenen Schüler. Es nützt also im Sinne des Budo rein gar nichts, öffentliche Autorität und Anerkennung anzustreben; alles was zählt und einen wirklich zum sensei erhebt, ist allein die persönliche, wachsende Lehrer-Schüler-Beziehung im eigenen Dojo.

Ossu

Jörg Wolters

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