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Warum betonen Sie so die Budo-Etikette ?

Die Etikette ist ein zentraler Inhalt des Budo. Sie ist eine Ritual-Praxis der Wertschätzung und Zuneigung.

Dazu ein ausführlicher Beitrag, der auch in: Kampfkunst International, (I) 5/2001, S. 81, (II) 6/2001, S. 88-89, veröffentlicht wurde:

Die japanischen Kampfkünste des Budo sind originär ganzheitliche, d.h. körperliche und geistige, ja spirituelle Übungswege, die auf den Traditionen, der Kultur und vor allem der Philosophie Asiens basieren. Sie sind ursprünglich geprägt vom Yoga (Indien) und später vor allem vom Daoismus, Konfuzianismus, Buddhismus (China) und schließlich besonders dem Wesen des Zen (Japan).

Die Rituale und Zeremonien, Gesten (Mudras) und der Ehren- und Verhaltenskodex (Bushido, Budo) im Budo - oft ausgedrückt in der dem traditionellen Budo ganz eigentümlichen Etikette - sind wesentliche Bestandteile des Weges, der Übung und der Meisterschaft. Die Bedeutung dieser Etikette und ihren besonderen Ritualen ist zentral, denn sie geht weit über das hinaus, was man im Westen einfach unter "Regeln" oder "Disziplin" versteht. Die Ritualpraxis der Budo-Etikette ist mehr als ein bloßes Regelwerk, eine nur formale Abläufe organisierende "Ordnung": In der Etikette drückt sich die Innere und Äussere Haltung des Budound auch desjenigen, der Budo praktiziert aus und offenbart das rechte Verständnis des Weges (Do) und das Bemühen um Fortschritt.

Das heißt, nicht daß, sondern wie ich die Etikette "bediene" (besser: mich ihrer bediene) und aus-übe, um meiner Haltung gegenüber dem Do, Stil (Ryu), der Schule (Dojo), dem Lehrer (Sensei) oder Mitschüler Ausdruck zu verleihen, ist dabei entscheidend. Im Budo heißt es, das man an der Art, wie man sich verneigt, den "wahren" Kampfkunst-Meister erkennt, oder wie die Schüler ihre Kleidung sortieren (z.B. ihre Schuhe am Eingang ausrichten) davon zeugt, wie weit sie bereits im Budo überhaupt schon fortgeschritten sind...

Der Etikette mißt man die Bedeutung bei, die zentrale Säule des "geistigen" Budo insgesamt zu sein. Als Relikt des Verhaltens- und Ehrenkodex der Samurai (Bushido) und auf der geistig-kulturellen Grundlage asiatischer Philosophie (besonders des Konfuzianismus) hat das Wesen der Etikette nicht nur historische Wurzeln, sondern zum rechten Verständnis des Ganzen essentielle Tragweite.

Kampf-Kunst ohne Etikette ist zum bloßen Kampf-Sport verkommen, da sie wichtiger "geistiger" (innerer) Schulungswege beraubt und auf moderne (äußere) Maßstäbe reduziert ist. Während im Sport die Etikette nebensächlich, ja - weil unfunktional - zur Erlangung des Erfolges sogar hinderlich ist und z.B. aus der ursprünglichen Kontemplation/ Meditation vor und nach dem Unterricht im Seiza (Fersensitz am Anfang und Ende des Unterrichts) nur noch eine oberflächliche, allenfalls exotische Begrüßungszeremonie vor und nach dem "Training" übrig geblieben ist, ist echtes Budo ohne diese geistige Übung (Mokuso) undenkbar.

Die spezielle Budo-Etikette ist zunächst vergleichbar mit einer eigentümlichen, fremden "Sprache", dessen "Vokabular" man zusätzlich zu den körperlichen Abläufen erlernen muß und dessen Sinn einem erst einmal verborgen bleibt. Eine Verneigung bei Betreten des Dojo ist anfangs einfach nur eine übliche Regel, ein Muß - später verbindet man vielleicht mit diesem vermeintlich äußeren Ritual auch ein inneres Gefühl, geprägt durch die vielen Erfahrungen, die man gerade in diesem Kampfkunstsystem und in diesem Dojo hat machen können.

Aus der bloßen rituellen Verneigung vor dem Partner mag schließlich eine Geste echter Wertschätzung werden, emotional gefüllt mit wirklicher Hoch-Achtung und Zu-Neigung. Aus dem obligatorischen verbalen Feedback >Ossu<(sprich "oss" oder "uss"), bei verschiedenen gelegenheiten im und rund ums budo (z.b. vor und nach jeder partnerübung) wird aus einer zunächst vordergründigen floskel irgendwann ein ausdruck tiefer persönlicher empfindung, also ausdruck eines ganz speziellen, echten momentanen gefühls, z.b. der einsicht oder der zustimmung werden. die ritualisierte etikette vermittelt einem eine neue, für verständige in hohem masse präzise "Sprache" der vermittlung von einstellungen, d.h. eben besagter "innerer Haltungen".

Etikette muß als "Form" (Kata) verstanden werden: Eine scheinbar in erster Linie oder für den Anfänger nur äußere Form, ein Bewegungs- oder Verhaltens-Gerüst, dessen Sinn, Bedeutung und wahre "Ästhetik" oder "Meisterschaft" sich erst durch persönliche "Belebung" und "Füllung" mit "inneren Inhalten" im Laufe der Zeit offenbart. Jede Kata, auch die rein körperorientierte, ist darauf angewiesen, meisterlich "beseelt" zu werden - ansonsten bleibt sie starr und "ausdrucks-" wie "leblos". Am ehesten sollte die Ritualpraxis der Etikette so verstanden werden, das sie eine Methode, ein Medium des Ausdrucks dessen ist, was man im Budo erreicht hat oder zu erreichen sich noch bemüht, vom Budo weiß, glaubt oder hält. Die Etikette verkörpert nämlich die Ideologie des Weges insgesamt. Damit weist sie über die Möglichkeit eigenen Wachstums - so zentral das Anliegen im Budo auch ist - durch (freiwillige) Anpassung und "Unterwerfung" unter ein übergeordnetes Ideal hinaus. Mein Verhalten bezeugt nicht nur meinen persönlichen Wegfortschritt (Auffassung, Ernst usw.) sondern steht immer anderen auch Modell für das Ganze.

Emanuel Kant, ein westlicher Philosoph, hat mit der Theorie und der ihr innewohnenden Ethik und Moral des sogenannten "Kategorischen Imperativs" was ganz Ähnliches gemeint, indem er postulierte, daß jeder sich stets so verhalten solle, daß sein eigens Verhalten Modell für ein grundsätzlich für Alle positives Gesetz stehen könnte, also das eigene Tun in den Dienst einer größeren Idee, eines Ideals gestellt.

Die Budo-Etikette dient auch diesem höheren Ideal, in dem man Beispiel für das Gesamte ist. Jedes eigene Fehlverhalten (auch außerhalb des Budo) schadet dem Ansehen des Budo, jedes positive Verhalten dient dem Ganzen. Budo als Weg persönlichen Wachstums muß daran gemessen werden, inwieweit die Schüler bzw. Praktizierenden selbst den Anforderungen des Bemühens um Selbst-Beherrschung genügen.

Die Etikette ist daher nicht nur dazu da, bestimmte Abläufe im Training oder im Dojo vereinfachend zu regeln, sondern alle Praktizierenden in die "Pflicht", d.h. in die Verantwortung zu nehmen, sich sowohl um eigene Selbstbeherrschung mit dem Ziel zunehmender innerer Reife zu bemühen, als auch Beispiel sein zu müssen für die Inhalte, Ziele und den Geist des Budo, des jeweiligen Systems und der Schule, aus der man kommt.

Neben der rein formalen Organisation bestimmter Abläufe (z.B. zur Sauberkeit, Höflichkeit, Disziplin usw.), die auch zur störungsfreien und gefahrlosen Durchführung des Unterrichts der Kampfkünste hilfreich oder nötig sind, sind also vor allem zwei wesentliche Ziele mit der Etikette verbunden:

1. Persönliches Wachstum durch Überwindung des Egoismus (eigener Wichtigkeit) und freiwillige "Unterwerfung" des eigenen Selbst (Ego) unter ein höheres Ideal (Übung der Wertschätzung, Demut), 2. Pflege des guten Rufes eines Kampf-kunstsystems oder einer -schule durch vorbildliches Verhalten der Schüler im Sinne des jeweiligen Ehrenkodex.

Also gilt die Etikette für Budoka nicht nur innerhalb des Dojo - sondern in gewissem Sinne auch "im normalen Leben". Von einem Budoka erwartet man auch vor und nach dem Training sowie außerhalb ein den Budo-Idealen angemessenes Verhalten.

Kein Verhalten ist egal. Alles Tun ist bewußt. Etwas, das im Buddhismus höchsten Rang besitzt. Jede Handlung dokumentiert meine Fähigkeit, mich entsprechend selbst gesteckter Ziele zu benehmen (Selbst-Disziplin), repräsentiert mein Wissen und Können des Weges, auf dem ich bin, für den ich stehe. Ich zolle mit meinem Verhalten, das extra so ist, wie es ist, Respekt, d.h. Anerkennung und Achtung - mir (nämlich meinem Weg und Bemühen) und anderen gegenüber. Durch Etikette, die nicht zwanghaft und damit leer (Sinn-los) ist, kann ich echte Wertschätzung ausdrücken - wenn ich will.

Rituale, Zeremonien und kulturelle Gepflogenheiten haben stets einen inneren Sinn, z.B. bestimmte Ideen zu dokumentieren oder Gemeinschaft und Dazugehörigkeit auszudrücken. Budoka eines Systems verbindet daher die Praxis spezieller, eigener Gesten und Haltungen. Die Etikette ist ihre symbolische Sprache, die Zeichen haben einen bestimmten Sinngehalt, typische oder gar "geheime" Bedeutungen. Keine Vereinigung ist ohne derartige Symbole, auch im Westen nicht (Zünfte, Bünde, Logen, Sekten, Gangs und Pfadfinder).

Die Einhaltung der Etikette im Budo ist eine wesentliche Kampfkunst-Übung selbst. Sie dient stets der Auseinandersetzung mit sich selbst, in dem man sich erstens um Einhaltung und zweitens um das Verständnis des Sinns bemüht. Anfangs reine äußere Form, unverstandene Floskel, gebotene Regel. Erst mit zunehmender Praxis und der eigenen Erfahrung, daß mit diesen symbolischen Gesten echte innere Gefühle, Einstellungen und Haltungen verbunden sind, gewinnt die Ritualpraxis der Etikette an Bedeutung. Sie wird zu einer eigenen, typischen und unverwechselbaren Ausdrucksmöglichkeit des ansonsten Schwer- oder gar Nichtsagbaren.

Eine körperliche, anfangs oft vergessene, meist unachtsam durchgeführte, hingepfuschte Verneigungs-Geste zum Partner wird dann zur echten zwischenmenschlichen Begegnug, emotional gefüllten Wohlwollens-Bekundung, ja, zur (natürlich a-sexuellen) "Liebes-Erklärung".

Kurz: Wir müssen im Budo zunächst die Etikette lernen, um uns später ihrer immer mehr in eigener Verantwortung und mit eigenem Geist bedienen zu können, um bestimmte Gefühle und innere Haltungen auszudrücken. Was anfangs fremd und zwanghaft war, wird eines Tages intim und frei. Man wird dankbar sein, diese Sprache "sprechen" zu können - und zu verstehen...

Grundsätzlich gehört zur Etikette der Kampf-Künste, diese in bestimmter Kleidung, an bestimmten Orten und nach speziellen Ritualen zu betreiben. Alt überlieferte Regeln besagen, daß ein Schüler einer Kampfkunst niemals schlecht über seinen Stil, seinen Lehrer, sein Dojo und seine Mitschüler (die als Familienmitglieder, als Brüder und Schwestern angesehen wurden) sprechen darf. Wer bei einem neuen Lehrer schlecht nach Wechsel des Systems über seinen ehemaligen Stil, Lehrer usw. redete, hatte sich in den Augen aller, auch ansonsten konkurrierender Stile oder Lehrer derart als Kampfkünstler disqualifiziert, daß niemand ihn mehr als Schüler annehmen würde...

Zu den grundsätzlich in den Kampfkünsten geltenden Regeln zählte und zählt neben der Loyalität dem praktizierten System (Lehrer, Dojo usw.) gegenüber, die Kampfkunst niemals ohne echte Not anwenden zu dürfen, also auch nicht Fremden zu zeigen, damit anzugeben oder gar ohne Erlaubnis selber zu unterrichten, geschweige denn, sie eigenmächtig zu verändern. Allgemein gültige "Tugenden" und per Etikette von Schülern verlangt wurden (und werden), waren (und sind) vor allem Respekt und Höflichkeit, Bescheidenheit und Demut sowie "Ritterlichkeit" und: Gewaltverzicht.

Der übergeordnete Inhalt der Etikette im Budo-Karate, wie z.B. des Shoto-Kempo-Ryu, des "Weges der Friedvollen Krieger", ist dementsprechend auch unmißverständlich der konsequente Gewaltverzicht, d.h.: keine Gewalt gegen Menschen, Tiere, Pflanzen und Natur, sondern Wertschätzung allen Lebens und der Ordnung der Dinge. Dieses Ideal der Wertschätzung des aufgrund von Stärke zum Sanft-Mut fähigen und zum Gewaltverzicht entschlossenen >Friedvollen Kriegers< sind alle weiteren regeln untergeordnet.

Der Sinn der Etikette ist immer die >Innere Übung<, genauer selbst-disziplin-Übung, um diese haltung zu entwickeln und über sammlung, stille konzentration und bewußtheit jene "Offenheit" (gegenüber dem weg und zulernenden) auszubilden, die zum verständnis des wesens des budo notwendig ist.

Im Zentrum der Etikette steht daher immer an erster Stelle R e s p e k t:

Respekt meint nicht Autoritäts-Angst oder blinde Unterwerfung, nicht das gezwungene Befolgen von Regeln, sondern eine innere (und äußerliche, d.h. äußerlich ausgestrahlte) Haltung der Würde und Würdigung:

Würde bedeutet die Empfindung und den Ausdruck einer gewissen Feierlichkeit, "E(h)rhabenheit", Ernst, Anstand, Selbstachtung und Stolz - und Würdigung die Empfindung und den Ausdruck von Anerkennung, Achtung und das Ehren von etwas existierendem Bedeutsamen, einer Idee oder eines Ideals. In diesem Sinne ist Respekt zu verstehen.

Diese Art des Respektes, der in der Etikette gelebt werden soll, liegt allem Tun (Üben) zugrunde.

Alle einzelnen zeremoniellen Regeln und Verhaltensweisen, die in einer jeweiligen Budo-Etikette eines Dojo gelten bzw. praktiziert werden, sind diesem Prinzip des Respektes (Würde und Würdigung) abgeleitet. Beachtet man die Leitidee, sich selbst, dem anderen und dem Weg gegenüber aufrichtig Respekt zu zollen, und macht dies zum Maßstab seines tatsächlichen Verhaltens, wären konkrete Regelungen überflüssig !

Wenn man begreift, daß eben ein Dojo nicht etwa nur ein Sportraum oder ein Übungsraum ist, sondern im traditionellen Sinne der "Ort der Erleuchtung" ist, ein "heiliger" Ort des Weges, das Zentrum der Weg-Gemeinschaft - und dieses respektiert, achtet und würdigt, ist die Etikette im Wesen schon erfüllt. Alle einzelnen Regeln, wie genau man sich wann im Dojo nun verhält, dienen allein der Übung, diesen Respekt zuerst auszudrücken, ihn immer mehr zu entwickeln, um ihn dann auch wirklich zu empfinden.

Im Budo ist viel von Demut die Rede, und es geht dabei nicht etwa um Oben und Unten, um Autorität und Hierarchie, Macht und Unterwürfigkeit, sondern die innere Haltung jener Würde und Würdigung, die Grundlage allen Wachstums und aller Persönlichkeitsentwicklung in den Höheren Kampfkünsten (Budo) ist.

Demut meint eine gewisse Bescheidenheit, meint Ergebenheit und Hingabe. Durch die Übung der Demut soll Selbstlosigkeit entwickelt und "Edelmut" kultiviert werden, die die Ritterlichkeit des >Friedvollen Kriegers< definiert. ohne die bescheidenheit, den ständigen anfängergeist des budoka, ist kein fortschritt mehr möglich. der weg ist das ziel ! es gibt kein ende des weges, keine meisterschaft, keinen stillstand, kein ausruhen, kein zurück.

Bemühe ich mich also um eine innere und äußere Haltung des Respektes (Würde, Würdigung und Demut) mir selbst, dem anderen und dem Weg gegenüber, praktiziere ich bereits Budo als wahre Kampfkunst. Die Disziplin, also die Selbst-beherrschung, die dies von einem oft erfordert, (weil man häufig unaufmerksam, oberflächlich oder launisch ist) entwickelt sich aus dem >Kampf mit mir selbst<, der im budo immer wieder als zentrales anliegen thematisiert wird.

Habe ich Respekt vor mir selber, dann mag und achte und pflege ich mich. Dann erscheine ich (schon mir zuliebe) gepflegt und sauber zum Budo-Unterricht und ordne meine Kleider (Gi), ohne ermahnt werden zu müssen, laut Etikette mit gewaschenen Füßen, geschnittenen Fußnägeln, sauberem Gi usw. kommen zu müssen. Habe ich Respekt vor dem anderen, bezeuge ich gern meine Wertschätzung und verneige mich von selbst vor ihm, ohne durch die Etikette ständig dazu aufgefordert zu werden.

Zeuge ich Respekt dem Weg gegenüber - also neben dem Budo allgemein auch dem konkreten Stil, dem Dojo als Ort des Weges, den Lehrern als repräsentative >Weg-Weiser< (sensei jap.: = "Vorher-Erlebter" und "Lehrer-Vater") und den auf dem weg schon fortgeschrittenen gegenüber, anerkenne ich - in demut - das system und die mir überlegene leistung und erfahrung ganz selbstverständlich und brauche nicht per etiketteregeln dazu gezwungen zu werden, höflicherweise einem höheren grad z,b. den "Vortritt" zu lassen.

Achtung und Bewußtheit - Grundlage, Methode und Ziel der Etikette im Budo (Zen im Budo): Zanshin, höchste Geistesgegenwart, Aufmerk-samkeit, Präsenz, Konzentration und Wachheit sind zentrale Inhalte der Kampfkunst. Sie durch Übung zu fordern und zu fördern, weiter-zuentwickeln und in der Praxis soweit zu vertiefen, daß sie mir (bestenfalls) immer zur Verfügung stehen, ist Budo.

Typisch im Budo ist dabei: Schulungsweg (Übung) und Ziel (Ideal) sind eins. Übe ich mich in einer Haltung, entwickele ich sie auch...

In diesem Sinne ist die Ritualpraxis der Etikette ein Vehikel der Selbst-Erziehung - kein sinnloser, dogmatisch-autoritärer Zwang diziplinierender Rangordnungsfragen, kein Gefängnis der Persön-lichkeit, sondern geradezu eine systematische Aufforderung zur Selbstentwicklung. Die zunächst rein rituelle, also anfangs vielleicht nur äußere Zurücknahme des Ego und Ausrichtung nach Idealen wird zur geistigen (inneren), ja erzieherisch-therapeutischen) Übung wahrer Größe. Ich >ver-beuge< mich nicht, mach mich klein und krumm, sondern >ver-neige< mich in aller aufgerichtetheit, ich >unterwerfe< mich nicht als kleingeist, sondern neige mich zu und öffne mein herz in stolzem großmut.

Nicht bediente Etikette ist- - wenn nicht Zeichen von Unwissenheit oder sträflicher Oberflächlichkeit und damit das Gegenteil von Budo - ist vielmehr der Ausdruck von Arroganz, anmaßender Überheblichkeit und kleingeistigem Geltungsbedürfnis sowie Geringschätzung des Gegenübers, des Weges - und letztlich seiner selbst. Selbst-Erhöhung, die auf Nichtwürdigung oder gar auf Erniedrigung anderer angewiesen ist, erhöht nicht, sondern zeigt, wie weit unten man wirklich ist, wie klein, ja sie erniedrigt einen geradezu selbst.

Respektloses Verhalten ist egozentrisch, selbstsüchtig. Budo ist aber gerade der Dienst am anderen, ist Selbsterziehung auch zum Wohle der Gemeinschaft, des Friedens der Welt. Budo zerstört die kleingeistige Ich-Verhaftetheit und setzt mich in Beziehung zur Welt. Die Fähigkeit der Empfindung und zum Ausdruck von Respekt ist also ein wesentlicher Aspekt des Weges - die Etikette eine zentrale Übung!

Als Lehrer für Kampfkünste sind wir mehr als bloße "Trainer" für bestimmte bewegungs-technische Prinzipien oder gar und Wettkampf-erfolg. Wir sind "Vorher-Gelebte" (sensei), also Selbsterfahrene und Vorbilder mit einer immensen Verantwortung für die Vermittlung all dessen, was dem Wesen nach Budo als persönlichkeitsfördernden und "charakter-schulenden" Übungs-Weg ausmacht. An unserem Verhalten und unserer Etikette als Lehrer und Fortgeschrittene wird der Wert der Kampfkunst als Weg gemessen, transportiert - oder eben auch nicht..

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Dr. J.-M. Wolters
� 2000

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