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Muss man bei Ihnen von der Religion her Buddhist sein oder werden ?

Nein. Weder das eine noch das andere.

Zwar ist die Entstehung der asiatischen Kampfkünste eng mit den Philosophien Asiens verbunden und gerade das friedfertige Wesen des Bu-Do auf dem Hintergrund des Zen-Buddhismus entstanden, jedoch gibt es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen der heutigen Ausübung des Budo (oder eben unseres Kempo-Karatedo) und der nötigen Anhängerschaft des Buddhismus. Das steht jedermann/frau völlig frei; es interessiert sich niemand für die Konfession der Aktiven.

Im Übrigen ist der Buddhismus gar keine Religion (bei der es definitionsgemäß ja mindestens einen Gott geben muss) sondern eine Geisteshaltung des bewußten Tuns und der Wertschätzung allen Lebens und aller Dinge. Der Buddhismus interessiert sich nicht für die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, sondern nur dafür, wie man selber ganz bewußt leben kann, ohne anderen zu schaden. Deshalb gibt es keinen Widerspruch beispielsweise zum Christentum und deshalb praktizieren selbst strenge Katholiken Zen oder Zazen (Meditation) ganz selbstverständlich. Ist doch diese buddhistische Geistes- und Lebenshaltung eine, die jedem Christen in seinem Glauben und Alltag nur behilflich sein kann.

Aber bei Ihnen muß man sich doch im Dojo vor einer Buddhafigur verbeugen, oder ?

Stimmt, auf unserem Shomen (Ehrenplatz) sitzt ein goldener Buddha in Meditationshaltung - neben immer frischen Blumen (Leben) und einem alten Baumstumpf (Tod), eingerahmt von einem Katana-Samuraischwert und einem alten Bogen mit Pfeilen (Trennschärfe & Punktgenauigkeit). Wie bei den anderen Gegenständen geht es aber nur um ihren symbolischen Charakter - und der meditierende Buddha steht für eine höhere Idee der Kampfkünste, nämlich den Frieden mit sich selbst und der Welt.

Durch die - ebenfalls symbolische - Verneigung (nicht Verbeugung) vor dem Shomen insgesamt drückt man in einer gewissen Demutshaltung aus, dass man ein höheres Ideal anerkennt oder anzuerkennen bereit ist. Welches konkrete Ideal oder ferne Ziel jemand persönlich auch verfolgen mag, ist dabei offen, denn jeder würdigt allein seine eigenen (nach denen nicht gefragt wird).

Richtig ist: Buddhistische Ideenwelt und Lebenspraxis begründen die Spiritualität der Kampfkünste. Aber niemand muß irgendwelchen Götzenbildern huldigen, und niemand soll bekehrt werden. Jeder soll nur "gutes Karate" machen .

JMW
(Christ)

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