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Karate zur Therapie von Straftätern?

Interview mit Dr. Jörg-Michael Wolters, Erziehungswissenschaftler, Therapeut und Karatelehrmeister (6. Dan).


Medicus: Kämpfen als Therapie, wie kann man sich das vorstellen, Herr Dr. Wolters?

Man muss zunächst ganz grundsätzlich zwischen Karate als Kampfsport und Karate als Kampfkunst unterscheiden. Obwohl die beiden Kampfformen von außen betrachtet gleich aussehen, vermitteln sie unterschiedliche Inhalte. Beim Sport geht es darum, den anderen zu besiegen.

Medicus: ... und in der Kampfkunst?
Bei der Kampfkunst, dem Klassischen Karate-Do, geht es darum, sich selber zu besiegen, nicht nur im Sinne von Körperbeherrschung, sondern auch als psychosoziale Kontrolle. Karate-Do will die mentale und spirituelle Entwicklung der Persönlichkeit fördern. Wettkämpfe werden in dieser Karateform abgelehnt.

Medicus: Und damit eignet sich Karate auch für Straftäter?
Ja, das zeigen inzwischen auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen. Ich habe 1989 die ersten praktischen Konzepte für eine Studie zu diesem Thema gemacht. In Kooperation mit der Universität Lüneburg habe ich zwei Jahre lang hochaggressive, jugendliche Rückfalltäter der Jugendvollzugsanstalt Hameln in Form eines Anti-Aggressivitätstrainings therapiert. Das waren Gewalttäter, die bis zu 600 Schlägereien hinter sich hatten.

Medicus: Wie waren die Ergebnisse diese Untersuchung?
Die Therapie wurde von unterschiedlichen Fachbereichen der Universitäten in Lüneburg, Heidelberg und Göttingen wissenschaftlich ausgewertet. Die Ergebnisse der qualitativen und quantitativen Forschungsdesigns zeigen übereinstimmend, dass sich die Aggressionskontrolle und das Sozial-verhalten durch das Training verbessert und infolge auch die Gewaltausübung hochsignifikant vermindert. Der Erfolg dieser Arbeit mit jugendlichen Straftätern war bis dahin einzigartig.

Medicus: Was kann man aus diesen Ergebnissen folgern?
Kurz gesagt, zeigt die Studie, dass Karate-Do nicht nur einen allgemeinen sozialerzieherischen, sondern auch einen verhaltenstherapeutischen Wert hat. Mit dieser Therapieform ist es gelungen, hochgradig aggressive Straftäter zu anderen, friedfertigen Einstellungen und Verhaltensweisen zu bringen.

Medicus: Was bewirkt Karate in dieser Zielgruppe?
Durch Karate lernen die Übenden in Stresssituationen gelassen zu bleiben und, dass sie einen Angreifer mehr durch defensives als durch offensives Verhalten besiegen können. Beispielsweise indem sie die Energie des Angreifers durch geschicktes Ausweichen und minimale, kluge Bewegungen gegen ihn wenden.

Medicus: Inwiefern sinkt dadurch die Kampfbereitschaft?
Karate vermittelt folgende Prinzipien: Zum einen greift man als Karateka, also Karatekämpfer, nie jemanden an. Und zum anderen lernt man kämpfen, um nicht mehr kämpfen zu müssen. Denn als eigentliche Stärke wird es gesehen, auf den Kampf zu verzichten. Durch das Training wächst außerdem die Souveränität, so dass sich die Übenden sich nicht mehr so schnell angegriffen fühlen.

Medicus: ... und das ist für Gewalttäter besonders wichtig?
Ja, denn Schläger sind oft klassische Versagertypen, die ihren Status durch Gewalt ausbalancieren: Indem sie Opfer produzieren, hebt sich ihr Wertgefühl. Das Karate-Do-Training stärkt aber ihr Selbstwertgefühl nachhaltig. Und wenn sie wissen, dass sie den anderen leicht besiegen könnten, müssen sie das sich und anderen nicht mehr durch eine Schlägerei beweisen.

Medicus: Hilft Karate auch aggressiven Kindern und Jugendlichen?
Ich habe nach meiner Arbeit mit Straftätern, sehr lange in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Lüneburg gearbeitet, weil dort ebenfalls Interesse bestand, mit Karate-Do zu arbeiten. Aggressive Kinder und Jugendliche sind aber ein völlig anderes Klientel. Ihre Gewaltausbrüche beruhen auf einer psychischen Erkrankung. Meist handelt es sich um Steuerungs-unfähigkeiten, also affektive Durchbrüche. Aber auch bei ihnen zeigten sich ausnahmslos positive Effekte.

Medicus: Hat sich das Karate-Do inzwischen als Therapieform durchgesetzt?
Trotz aller Erfolge muss dieser Ansatz noch immer Widerstände abbauen. Nicht alle Leiter von Strafanstalten sind an Karate-Do-Projekten interessiert. Die meisten Laien kennen den Unterschied zwischen Kickboxen und Karate nicht und sind zunächst eher skeptisch, wenn sie hören, dass ein Schläger mit einer Kampfkunst therapiert werden soll. Aber insgesamt setzt sich Karate-Do als Therapie nicht nur akademisch, sondern auch in der Praxis immer mehr durch.

Medicus: Kann jeder eine solche Therapie anbieten?
Im Moment herrscht noch ein Mangel an qualifizierten Mitarbeitern, weil eine doppelte Qualifikation nötig ist: Eine soziale, psychologische oder medizinische Ausbildung und zusätzlich ein Meistergrad in Karate-Do. Inzwischen wird eine berufsbegleitende Weiterbildung zum Kampfkunst- oder BUDO-Pädagogen am Institut für Jugendarbeit Gauting bei München (www.institutgauting.de) angeboten.

Medicus: Lässt sich Karate-Do nur bei aggressiven Menschen wirkungsvoll einsetzen?
Nein, von einer Entwicklung der Persönlichkeit kann jeder profitieren. Ich biete außer Jugendarbeit auch spezielle Kurse für Manager und Führungs-kräfte an. Dabei geht es zum einen darum, die Konfliktfähigkeit zu verbessern, zum anderen soll aber auch das strategische Denken und Handeln und das Vermitteln zwischen unterschiedlichen Anforderungen im Berufsalltag gefördert werden.

Kontakt: www.budopaedagogik.de

Das Interview führte 2002 für Pharma Avensis (Medikus) Frau Dr. K. Stürmer

Quelle:


http://www.pharma.aventis.de/patienten/patienten_information/karate/therapie.html (06/03)

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