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Friedvoller Krieger - gibts doch gar nicht !

(Diskussion mit dem Sensei)

Ich will Dir zu erklären versuchen, warum ich Dein Konzept des Friedvollen Kriegers anzweifele:

Menschliche Aspekte:

1.) Friedfertigkeit

Wenn Friedfertigkeit wirklich mein oberstes Ziel ist, warum wende ich mich dann nicht der christlichen Ethik (Linke Wange, rechte Wange / Meine Feinde lieben) zu, oder nehme mir beispielsweise Ghandi zum Vorbild? Warum der Umweg über das Kämpfen?

Nur, wer seine Fähigkeit zu Kämpfen, Kampfgeist und Mut entwickelt hat, nur wer seine Aggresionen / Aggressivität ( die "Lust am Töten", die Faszination / den "Spaß" an der Gewalt) kennen-, zuzugeben-, zuzulassen-, damit umzugehen und zu beherrschen gelernt hat, kann sich autonom und bewußt dazu verhalten, sich frei dafür oder dagegen entscheiden.

Kampfkünstler können auf diese Weise "Fachleute" für Kampf, Gewalt, für Enstehung von Konflikten werden, da sie sich konkret und quasi "professionell") mit dem Phänomen des Kampfes (Angst, Wut, Sieg und Niederlage, den psychischen Auswirkungen usw.).befassen, wie kein anderer.

Um Gewalt bzw. das Kämpfen eben als besagter "Friefertiger Krieger" zu lassen, muß man natürlich Kämpfen können. Sonst ist es nichts als die Feigheit des ohnehin Unterlegenen oder die (durch Ohnmacht aufgezwungene) Pseudoweisheit des Esoterik bemäntelten Softies.

Mir geht es also um den aus Stärke (Kompetenz) zum Gewaltverzicht entschlossen "Friedvollen Krieger", den "edlen Ritter". Er weiß, daß Friedfertigkeit Stärke und Gewalt Schwäche ist. Wer Kämpfen kann, kann es auch lassen und muß es weder sich noch anderen beweisen.

Ich behaupte daß, wer Kämpfen übt, dies auch grundsätzlich als Mittel zur Konfliktlösung akzeptiert, wenn auch als ultima Ratio. Die Erfahrung zeigt einfach, daß Waffen, wenn man sie besitzt auch irgendwannn eingesetzt werden.

Die, die Gewalt bzw. Waffen einsetzen, sind nicht die Souveränen, Beherrschten, Selbstbewußten, sondern meist die sich (zu Recht) klein und hilflos fühlenden "Gernegroß" und "Möchtegern". Ich arbeite seit Jahrzehnten als Therapeut mit Gewalttätern. Alle Schläger, die ich kennengelernt habe, halten sich nur für stark - in Wahrheit sind sie allesamt Verlierer, die sich und anderen was vormachen, sind real ohne jedes Selbstwertgefühl und plustern sich auf, um das zu kaschieren. Richtig Kämpfen konnte niemand von ihnen: sie schlugen immer Schwächere, zu dritt auf einen, von hinten, mit Tricks, mit Waffen....

Wer hat wircklich die Größe sich von einem Schwächeren erniedrigen zu lassen ohne auf seine Fähigkeiten zurückzugreifen?

Richtig ! Sich nicht erniedrigen zulassen ist wahre Größe. Und wie kann ein "Schwächerer", wie Du sagst, einen denn überhaupt "erniedrigen" ? Dessen Provokationen sind doch keine Bedrohung, wenn man sich seiner Fähigkeiten, Überlegenheit, seiner Selbst also bewußt ist ?

Wenn die (physischen oder psychischen) Angriffe des Schwächeren einen erreichen, ist man eben nicht souverän genug, sondern immer noch genauso klein wie der kleine Provokateur. Erst dann treten also Konkurrenzgebaren und Revierverteidigungsgehabe auf !

Halte ich aber für einen gefährlichen Ansatz angesichts der Kriegerischen Fähigkeit und vor allem wird der "friedvolle Krieger" so zum Ideal und nicht zum Faktum!

In der Kampfkunst geht es immer um Ideale ! In der Technik / "BU" (Perfektionierung) wie in der Theorie / "Do" (persönliches Wachstum). Und: Es gibt solche "Meister" ! Das Faktum "Friedvoller Krieger" besteht also, auch wenn dies natürlich selten und gemessen an der Mehrheit der (an anderen Dingen interessierten) Kampf-Sportler oder auch leider immer noch zu vieler Budo-"Spinner" in der Szene zugegeben die Ausnahme ist.

2.) Kämpfen können Meine Erfahrung mit "Traditionalisten" zeigt leider, das diese genau dieses eben nicht können. Viele, die behaupten, daß ihre Schläge tödlich wären und die darum nicht kämpfen wollen. Bei den meisten ist es aber nun leider so, daß diese Einstellung aus einer Karriere als schlechter Kämpfer erwächst, oder sie sind einfach nicht bereit auf ihren Fingerknöcheln durch die Halle zu springen, ein hartes Makiwaratraining oder ein Körperbetontes Sparring auf sich zu nehmen und sowieso, ein nasser Gi ist doch auch schlecht für die Gesundheit!

Von solchen Leuten spreche ich, wenn ich über Budo / Kampfkunst rede, nicht - und grundsätzlich nie ! Sie disqualifizieren sich selbst und haben mit dem, wovon ich spreche, nichts zu tun.

Überdies besteht leider immer die Gefahr, daß man sich für weiter hält, als man ist; den Weg (absichtlich oder versehentlich/unwissend) abkürzt, sich zum Meister oder Budo-"Papst" aufschwingt. Derartige (Anti-)Beispiele kennen wir beide doch bestimmt zur Genüge.

3.) Effektivität und "nicht kämpfen wollen" Ich zweifele stark an, das dieses erfolgreich miteinander vereinbar ist. Der Spaß und die Faszination an einer Sache steigern die Lernerfolge ganz ungemein. Für etwas trainieren was ich gar nicht will? Daran glaube ich nicht.

Wenn ich gelernt habe, erfolgreich zu kämpfen, weiß ich, daß die Effektivität (der Sieg) mit Minimalaufwand entsteht, d.h. sowohl in technisch-taktischer wie emotionaler Hinsicht, oder ?

Niemand beginnt natürlich eine Kampfkunst, um nicht zu kämpfen, und es soll / muß ihnen Spaß machen, zu fighten, logisch. Aber alle, sofern sie es wirklich lernen (das kommt dann auf den Sensei / Ryu, dasDojo usw. an), werden schließlich immer mehr begreifen, daß die wahre Kunst darin besteht, das Kämpfen-Wollen zu überwinden, weil Erfolg eben immer davon abhängt, wie gelassen (überlegen also !!!) man an die Sache herangeht. Je mehr ich gewinnen will, je schlechter kämpfe ich, weil ich nervös, innerlich erregt, gefühlsmäßig belastet bin und in meiner Wahrnehmung wie Reaktion nicht völlig frei bin. Aus anfänglich verbissenem Kampf (Kumite, Shiai) der Anfänger und angeblich Fortgeschrittenen wird irgendwann das absichtslose Spiel (Randori) der Meister.

4.) Auf Basis der technischen Perfektion entwickelt sich die Vervollkommnung des Charakters. Ich bezweifele, daß man jemals Perfektion erreicht.

Ich auch ! Der WEG ist eben das Ziel... Aber im Ernst: Wenn technische Perfektion der Garant für die Vervollkommnung des Charakters wäre, wären ja alle sogenannten Weltmeister "gute Menschen". Das Gegenteil (aus Budo-Sicht) trifft mutmaßlich eher zu. Ich habe vielmehr behauptet, daß das technische Können (Bu-JUTSU) eben nicht alles, sondern nur eine Stufe, ein möglicher Schritt, ja erst die Grundlage ist, um darüber hinauswachsen zu können (Bu-DO).

Ich will keinesfalls einen heiklen Punkt übersehen: Es gibt auch technisch gute Kämpfer, die charakterliche Schweine sind. Aber sie sind keine "Krieger". Krieger folgen einem moralisch-ethischen Kodex. Söldner sind keine "Ritter" - und Macht noch keine Tugend...

Historische Aspekte

1.) Tradition

Der Ursprung war Bodhidharma bestimmt nicht.

Verlässliche Daten haben wir natürlich nicht, aber es spricht sehr viel für diese Legende, weswegen sie ja auch heutzutage als fachliches Allgemeingut gilt. Überliefert wurde zumindest sicher, daß die chinesischen Kampfkünste (ein Teil von ihnen) durch die indische Körper-Geistkultur des Yoga und später den Buddhismus geprägt wurde. In den (buddhistischen) Klöstern Chinas werden Mönche ursprünglich wohl kaum Töten geübt haben, was der "Ideologie" (fraglich "Religion") des Buddhismus als >>Theorie und Praxis der Wertschätzung allen Lebens<< total widerspräche. Daß es selbstverständlich später auch kriegerische Zeiten und Mönche gab, ist unbestritten, aber kein Gegenbeweis. Die Zusammenhänge zwischen den Philosophien des Yoga, Taoismus, Konfuzianismus sowie (Zen-)Buddhismus und den originären (das meine ich mit "traditionell") asiatischen Kampfkünsten sind unübersehbar.

Ungeachtet der Theorie (und Wahrscheinlichkeit), daß es - sagen wir mal - "griechische" Einflüsse auf die Entstehung des Kämpfens gegeben haben könnte/dürfte, bleibt festzuhalten, daß "Budo" (Gendai Budo, nicht Koryu Jutsu) ganz wesentlich durch die chinesische Geisteskultur geprägt wurde - und heute, sofern man authentisches Budo studiert - noch ist.

(...), so wird schon die Logik mich zu einem Punkt bringen, an dem Kämpfen unabhängig von einem Philosophischen Überbau trainiert wurde.

"Wurde" - und überwiegend auch "wird", ganz klar. Ich bin weit entfernt von der Illusion, Kampf-Sport sei per se Philosophie. Im Gegenteil. Aber: Kampf-Kunst in dem von mir beschriebenen Sinne basiert auf ihr - und ist so gesehen "praktische Philosophie".

2.) Der "friedvolle Krieger" in der Geschichte Wie schon angesprochen, ich suche diesen vergebens. Die heutige Interpretation von Bushido beruht ja maßgeblich auf der Entwicklung der letzten 150 Jahre.

"Bushido" ist nur ein (geringer) geschichtlicher Teil dessen, was Budo zugrundeliegt. Daß es wenige "Friedvolle Krieger" in der Geschichte gegeben hat, heißt ja nicht gleichzeitig, daß es sie nie gegeben hat / grundsätzich hat geben können, oder etwa nicht gibt / geben darf.

Fast allem in der japanischen Geschichte wird eine philosophische Grundtendenz zugesprochen. Beispielsweise das "Buch der fünf Ringe" von Musashi wir immer wieder mit den tollsten Interpretationenin Verbindung gebracht, das es darin schlicht um Töten geht will niemand hören. Das Musashi vor der Entwicklung des Bushido gelebt hat will auch keiner hören und , daß, wenn er nicht so viele Menschen getötet hätte er auch nie so berühmt geworden wäre interessiert niemanden.

Musashi dürfte ein hervorragender Kämpfer/Krieger (JUTSU), aber menschlich/geistig totaler Spinner gewesen sein. Beziehungen zum Budo gibts keine ! Nur Unwissende führen ihn ins Feld, da hast Du Recht.

Jede Kunst, auch die Kriegskunst, ist vor dem Hintergrund der Gesellschaft, in der sie geübt wird, zu sehen, und so wie Odin und Thor in Germanische und wikingische Waffenkünste, das Christentum in das Rittertum Einzug hielt, so hielten Zen und Shinto in den Bushido ihren Einzug. Ob nur ein einziger Ritter oder Samurai dadurch friedlicher geworden ist, ich bezweifele es.

Die Kultivierung des Geistes hat ohne Frage die Killer friedlicher gemacht. Und selbst wenn es nicht so wäre: Wäre es nicht eine ehrenvolle Aufgabe, sich darum heute zu bemühen ?

Laß uns also den Begriff "traditionell", "Traditionalisten" beiseite lassen, denn mir ist nicht wichtig, ihn zu benutzen. Wichtig ist mir lediglich, das, was heute moderner Kampfsport (oder auch zwischenzeitliches Bushido) ist, abzugrenzen von dem, worum es mir geht, nämlich einer - wenn man so will - "Rückbesinnung" auf die originären Werte des Budo als Weg der Selbstschulung, die über reine Technik und oberflächliche Fragen des Sieges über andere weit hinausgehen. Der eigentliche Gegner - der viel schwieriger ist als irgendein Gegenüber - ist man selbst, das eigene kleingeistige Ich, das Ego. Mein Gegenüber wird zum hilfreichen Partner meiner Übung, mich selber in dem (mein Ego bedrohenden) "Kampf" kennen-, akzeptieren- und beherrschen (!) zu lernen.

Beste Grüße,

Ossu,

Jörg

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