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Was gibt es denn ausser Sportkarate noch in Deutschland ?

In Deutschland (und natürlich erst recht der Welt) gibt es viele hundert Karate-Stile; manche gerade der traditionellen Richtungen sind klein und manch eine besteht vielleicht auch nur aus einem einzigen Dojo.

In Europa dominieren eindeutig neben dem modernen Shotokan-Karate ("Äussere" / Soto-Deshi -Nachfolge Funakoshis von Anfang d. 20. Jhds) die grossen Wado- und Goju- und Shito-Ryu -Stilvarianten, die auch meistens im jeweiligen nationalen Olympischen-Sportbund organisiert sind.

Aber es gibt eine Mehrzahl ganz anderer Stilrichtungen, die an "Karate als Sportart" gar nicht interessiert sind und aus voller Überzeugung ohne bevormundende Verbandspolitik fachfremder Funktionäre auskommen.

Ich kenne jedenfalls neben den gerade mal 16 im Karatesportverband (DKV) vertretenen Stilen allein in Deutschland persönlich noch diese weiteren:

Itosukai Karate, Shorinryu Kyudokan Karate-Do, Matsubayashi Ryu, Uechi-Ryu, Chito Ryu, Shorin Ji Ryu, Fudokan, Shukokai, Koryu Uchinadi, Kenju Ryu, Uechi-Ryu, Shotokai Ryu, Tode, Okinawa-Karate, Okinawa Te, Shuri-te, Tomari-te, Kobayashi Shorin-ryu, Sukunkai-Hayashi-ryu, Matsubayashi-Shorin-ryu, Shito-ryu, Shorei-ryu, Naha-Te, Isshin-ryu, Gosoku-ryu, Chito-ryu, Shukokai-ryu, Seido-ryu, Tozan-ryu, Shindo-shizen-ryu, Modern Sports Karate, Seibukan, Kempo Karate, Koshinkan, Tang Soo Do, Yoshunkai, Kun Tai Ko, Tai Ko, Special Forces Karate, Kadgamala-karate, Shoshin-Do, Kyoshin Budo Kai, Enshin-Ru, Ashihara, Shidokan, Seidokan, In yo Ryu, Nihon-Ryu Karate-Do, Sandokan, Sandokai, Kempokaratedo, Yoshunkan, Kosho Ryu Kempo, Kara-Ho Kempo, American Kenpo, Shaolin Kempo, Cerio's Kempo, Zen-Do-Karate, Zenkarate, Bushin Ryu Kempo, Shotokan-Kempo-Karate, Shorin Ryu, Kempo, Shaolin Kempo, Shaolinkempo, Shorinji-Ryu Kempo Karate, Shorin Ryu Kempo, Kun Tai Ko, Tai Ko, Kyoshin Budo Kai, Shoshin-Do, Doshinkan, Goshin-Ryu Karate, Hon-Do-Ryu, Koudo Gishi Risei, Murakamikai, Bushidokai Kyudokan, Shorinjiryu Kenkokan Karatedo, Tsunami Karate, Shobayashi Ryu, Chubu Ryu, Sukunai Hayashi Ryu, Ishimine Ryu, Toon Ryu, Kushin Ryu, Tozan Ryu, Kosho Shorei Ryu, Kojo Ryu, Okinawa Gojuryu, Pangai noon Ryu, Jukendo, Ryuei Ryu, Uehara Motobu Ryu, Bugeikan, All Style Karate.

Sicher gibt es noch viele mehr und auch unbekanntere, die deswegen aber keineswegs "schlechter" sein müssen, als die grossen - und wie man uns immer gerne weismachen will.

Im Gegenteil ist, wie schon so oft von uns hier ausgeführt, gerade das individuelle Lernen bei einem persönlichen Lehrer/Meister, der einen individuell auf dem Weg (do) verantwortungsvoll führt und wohlwollend begleitet, das Wichtigste in der Kampf-Kunst.

Qualität statt Quantität - das ist Budo.

Trotzdem wird gegen die anderen, die nicht der Sportkarate-Fraktion angehören wollen, Meinung gemacht und diese als vom Sportverband "nicht anerkannte" und irgendwie dubiose Karateka/Stile gebrandmarkt. Und das ganz ohne jede formale Legitimation oder fachliche Autorität. Zig tausend andere Karateka und hunderte Dojo allein in Deutschland werden so systematisch übergangen, ausgegrenzt oder sogar schlecht gemacht.

Obwohl der hiesige Karateverband (DKV-Niedersachsen) auf seiner Homepage selbst einräumen muss, dass es "ca. 200 verschiedene Karatestile und über 2500 KungFu-Systeme" gibt und "dazu noch verschiedene andere (...) wie (…) Koreanisches Karate, Chinesisches Karate, Amerikanische Karate und, und, und...." (1), sind dort von den hunderten gerade mal 6 Stilrichtungen vertreten. Aber das ändert nichts an dessen lautstark postulierten Alleinanspruch und der befremdend selbstherrlichen Haltung seines hauptamtlichen Vorstandes und einiger seiner agitierenden Polit-Funktionäre.

Gern wird systematisch unterschlagen, dass es neben dem eigenen im DOSB organisierten DKV (bezeichnenderweise ohne jeden japanischen Cheftrainer und ohne Legitimation der Japan Karate Association JKA) viele andere Karateverbände gibt, zum Beispiel DJKB (mit Grossmeister Hideo Ochi, der sich als bekennender Traditionalist vom DKV getrennt und sein Amt als Bundestrainer aufgegeben hat), SKID (mit Großmeister Akio Nagai), BSK, SKVD, DTKV, TKVD, JKS, SKD, SRD, DAKO usw. - allein nur für das Shotokan-Karate in Deutschland, und dazu die vielen Splittergruppen oder unzähligen verbandlosen Vereine und Schulen in Deutschland - mal ganz abgesehen von den oben erwähnten anderen Karatestilrichtungen und auch abgesehen von den div. europäischen, amerikanischen, asiatischen oder gar internationalen Welt-Verbänden für Karate oder auch Organisationen für alle möglichen Karatestile und andere Kampfsport/Kampfkunst-Systeme unter einem Budo-Dachverband (z.B. IMAF, MAA und zig andere).

Stattdessen ruft der DKV in seiner eigenen Zeitschrift jetzt sogar noch offen seine Mitglieder und alle Vereine zum Kampf auf gegen die "Miniverbände, die unserem Verband nicht gerade positiv gegenüber stehen" und deren "oberschlaue Gurus (…) die nicht auch einen solch großen, erfolgreichen Verband schaffen konnten", wie den DKV als angebliche "Nr.1" (2). Konkurrenz wird immer unverfrorener regelrecht diffamiert, deren Repräsentanten herablassend verunglimpft.

Das ganze Funktionärsgezänk um Ansehen und Mitglieder (oder Macht und Geld) so einiger Karateverbände hat aber mit dem Studieren des originären "Weges der Chinesischen Hände" (Kara-Te-Do) beileibe nichts zu tun.

Ebenso wenig das dort übliche Wettkampfkarate in der Orientierung zwischen Leistungs- und Breitensport. Auch nicht die modischen Auswüchse wie Karate-aerobics oder Karate-Fitness in kommerziellen Studios oder etwa die allerneueste Erfindung des Sound-Karate im hippigen Teccnobeat. Die simple Reduzierung des Karatesystems auf reine Selbstverteidigung (die so manche andere *ing-*ung-Systeme nun auch wahrlich besser können als wir Karateka) oder die Schaffung des "Gesundheits-Karate" ist ebenfalls alles andere als authentisches Karate-Do in seiner Gesamtheit.

Dies alles ist vielmehr reine Pervertierung des klassischen Karate-Do, denn Karate ist nun mal kein Sport, sondern wahrhaft Kunst (Kampf-, Bewegungs- und Lebens-Kunst, Do - Weg). Darauf haben wir ja aber immer wieder hingewiesen und so halten wir es auch.

Das Japan-Kulturzentrum zitiert passend hierzu aus dem Buch "Okinawa Karate" von W.Lind (S. 264):

"Abgesehen von wenigen Ausnahmen ist Europa bis heute fest in den Händen der japanischen Wettkampfrichtungen - die klassischen (…) Systeme werden von den Wettkampforganisationen immer noch erfolgreich isoliert, wodurch in Europa ein großes Mißverständnis über den eigentlichen Sinn des Karate besteht. Dadurch hat Europa einen hohen Stellenwert im Wettkampf, aber einen niederen Stand im klassischen Karate-Do". (3)

Die "erfolgreiche Isolierung" klassischer Karatestile geht unvermindert weiter und nimmt sogar neue Formen an: Ungeachtet der ursprünglichen Vielfalt im Karatedo und des besonderen, auch kulturellen und historischen Wertes der einzelnen Stilrichtungen "arbeitet" (wie der DKV es nennt) dieser energisch "an der Einheit des Karate in Deutschland" (4). Das ähnelt leider dem Abholzen des Urwaldes, um dort einheitlichen EU-Gen-Mais anzubauen. (Ökonomie obsiegt auch hier über Ökologie.)

Die "Einheit des Karate", an der hier der Sportverband DKV so nachhaltig arbeitet, ist aber kein wünschenswerter Fortschritt - oder einer in die falsche Richtung. Das moderne Verbandskonzept des neuen - im wahrsten Sinne - stillosen, sog. "Stiloffenen Karate" ist da nur ein konsequenter Schritt in Richtung des Verfalls in ein sportlich-olympischen Einheitskarate - zum Nachteil der Originalität und individuellen Besonderheit der verschiedenen Stile der Welt…

Wir jedenfalls orientieren uns weiterhin an einer Theorie und Praxis des Karate-Do als traditionelle esoterische Kampfkunst (Kempo), auch jenseits der überwiegenden Sportauffassung, die als attraktive Freizeitaktivität und "Hobby für Jedermann" leichter zu verbreiteten und insgesamt auch gefälliger sind, als die eigentlichen Übungen von Körper und Geist im Sinne des Weges und der intensiven, oft schweren und sinnvollerweise lebenslangen Arbeit an sich selbst - erzieherisch (budopädagogisch) wie selbst-erzieherisch (spirituell).

Und genau dies versuchen wir in dem unabhängigen und gänzlich freien System des Shoto-Kempo-Ryu in einer ernsthaften Gemeinschaft Gleichgesinnter im Shoto-Kemo-Kai in unserem eigenen Dojo, der "Stätte für Bewegung, Begegnung und Besinnung" der Kampfkunst-Akademie in Stade.

Wir sind nicht allein mit diesem originären Verständnis:

EIN WORT ZUM SCHLUSS: Wir wollen den vielen Menschen, die ihren Karatesport lieben, wie er ist, (und sich wohl für die ganze Diskussion zwischen den beiden Parteien Sport vs. Kunst auch gar nicht interessieren), die sich in Training und ihrem Verein engagieren, das Ganze weder madigmachen noch moralisierend vorwerfen, sondern lediglich unsere eigene, durchaus von der Masse abweichende Vorstellung und Praxis von Karate als Budo vor der zunehmenden sportverbandspolitischen Diskriminierung und Verunglimpfung durch ihre Oberen in Schutz nehmen.
Gerade als sportwissenschaftlich arbeitender Pädagoge weiß ich um den hohen Wert auch des Sports gerade für die Jugend und ich goutiere jeden Sport sehr - aber darüber hinaus gibt es gerade im Karate noch das "Do" am Ende m e h r . . .

Also jedem das Seine. Wider dem Einheitskarate. Und der "friedfertige Geist" wird doch in allen Lagern beschworen !

Jörg-M. Wolters
Karatedo-Hanshi, Shoto-Kempo-Ryu Soke
Präsident der Aidokan-Union *

* AIDOKAN = Interdisziplinärer Verband jener Kampfkünstler, die ihr System erklärtermaßen als Weg (Budo) und nicht als Sport oder Selbstverteidigung betreiben


Zitierte Quellen

  1. www.karateverbandniedersachsen.de/index.php?id=98 (01/07)
  2. DKV-Verbandszeitung Karate 01/07, S.1
  3. www.japan-kulturcentrum.info/Broschuere_aktuell.pdf (01/07)
  4. DKV-Verbandszeitung Karate 01/07, ebd.
  5. www.klassisches-karate.de (01/07)
  6. de.wikibooks.org/wiki/Karate (01/07)
  7. www.okinawa-zendo.de (02/07)

Weiterführende Literaturauswahl:
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