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Jugend-Dan-Grade für "Teeny"-Meister ?

Im modernen Sportkarate (DKV) ist man zwecks Steigerung der Attraktivität und der Mitgliederzahlen zu skurrilen Neuschöpfungen übergegangen, die das Karatedo extrem verfremden. Neben dem modernen, nach Musik im Teccno-beat geturnten "Soundkarate" ist man dort jetzt auch soweit, schon 12- u. 13-Jährigen Kindern (oder auch Teens) den Schwarzgurt zu verleihen1.

Einmal mehr wird das originäre Wesen der traditionellen Kampfkunst Karatedo ad absurdum geführt und nun auch der symbolträchtige Schwarze Gürtel als Zeichen für einen "Meister"-Grad zu einer Kinder- und Jugendauszeichnung abgewertet.
Der Teeny-Dan für Kids in diesem Alter ist - bei allem Respekt vor den Leistungen und Erfolgen der betroffenen Kinder - eine Farce: Der Schwarzgurt ist seit jeher ein Zeichen für Kampfkunst- "Meister" (oder wurde jedenfalls immer dafür gehalten, auch in der Öffentlichkeit), also einem in langjähriger, intensiver Ausbildung geschulten Meister der Kunst des Kampfes, dem man technisches Können, theoretisches Wissen, eine gewisse Weisheit, viel Erfahrung sowie auch geistige Reife und gefestigten Charakter gleichermassen unterstellen konnte.

Kinder aber, auch oder gerade pubertierende, sind mitten in ihrer physischen wie psychischen (und sozialen) Entwicklung und, ganz unschuldig daran, weit von den Eigenschaften der erwachsenen Meister und deren besonderen Fähigkeiten entfernt. Das ist ihnen selbstverständlich nicht vorzuwerfen.

Kinder-Schwarzgurte dienen hier wohl eher der (werbungsfördernden) Befriedigung selbst erst neu geschaffener kindhafter irrealer Wunschträume (a la "Pokemon" und "Kim Possibel"); Kinder-Schwarzgurte sind quasi die Bobbycars im Budo-Rennen, nicht aber etwa richtige Autos, für die man einen Führerschein braucht...

Natürlich gibt es zuweilen hervorragende Leistungen auch bei kleinen und jugendlichen Karateka, besondere Talente und beeindruckende Techniker(innen), aber 10-, 12- und auch 13-Jährige sind nun mal Kinder, manchmal sogar noch ziemlich naive, verspielte, vor allem labile, die nun mal von Karate als "Weg" (Kampfkunst im Sinne des Do), der Budo-Lehre, der Dao- und Zen-Philosophie und konsequent sich daraus ableitender Lebensführung (!) nur wenig wissen können, und nichts verstehen.

Mit vielleicht 15 oder 16 Jahren ist die Persönlichkeitsentwicklung immerhin soweit fortgeschrittenen, dass eine gewisse (ja erst die notwendige) Reife, Ernsthaftigkeit, Bodenständigkeit und "Erwachsenheit" vorhanden ist, die es rechtfertigt, nach jahrelanger Schulung endlich als körperlich-technisch wie geistig-mental sichere Kampf-Kunst- "Meister" oder "Meisterinnen" gelten zu können.

Ein Shodan-Grad ab 16 Jahren ist daher vertretbar; aber auch nur im besonderen Ausnahmefall: Hier muß nämliches Einiges zur reinen Leistung kommen, um der besonderen Verantwortung, die es beinhaltet, einen Schwarzgurt zu tragen, auch gerecht zu werden und dem allgemeinen Ansehen, der damit verbunden ist, nicht etwa zu schaden. Hervorragendes Können, sehr viel Wissen, langjährige Erfahrung, positives Sozialverhalten, eine stabile, krisenbewährte Persönlichkeit und hohe Identifikation mit den Idealen des Budo sind Voraussetzung, um einen DAN ehrenvoll zu verkörpern und vorbildlich "Modell" zu stehen für einen solch (stil- und system-übergreifend bedeutungsvollen) hohen Rang.

Es gibt ganz sicher solche Teens, wenn auch wenige, die das erfüllen und den Dan-Grad verdienen. Doch dies kann immer nur der eigene Sensei beurteilen, der die Jugendlichen ausgebildet und persönlich kennen gelernt hat und dessen Stil, Lehre, Schule (bzw. der Weg im weiteren Sinne) hier ja mit dem Schwarzgurt als Symbol des großen Fortschritts vertreten werden soll. Ein "fremder" Verbandsfunktionär als Prüfer kann lediglich oberflächliche äussere Leistungen beurteilen, sportlich-technischen Erfolg bewerten, also das, was sowieso nur ein Teil des Karate ist, nicht aber Karate-Do.

Kindern Schwarzgurte zu verleihen ist, so gesehen, ein Zeichen von Unverständnis und lediglich Ausdruck reinen politischen Bestrebens des Verbandes, mit neuen "Karate-light"-Werbegeschenken zu (ver-)locken. Dadurch wird das "Feuer des Karatedo" nur noch mehr gelöscht ! Bei derartigem "Fastfood"-Budo schaffen es die Traditionalisten und Klassischen Karateka, die Hüter dieses Feuers also, wenn es so weiter geht, bald nur noch, die Glut aufzubewahren...

1: DKV-Karate-Magazin 05/2007

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